Simon Steen-Andersen: Inszenierte Nacht


Lesung nach den Buchstaben der Klassiker


In der europäischen Kunst und Musik wimmelt es von "Nächtlichen Szenen", von Nocturnes und Notturni. Steen-Andersens „Inszenierte Nacht" ist ein Spiel mit berühmten Nachtmusiken von Bach, Chopin, Schumann, Mozart und Ravel. Wie ein Theaterregisseur sich einem Stück nähert, so nähert sich der Komponist dabei mit musikalischen Mitteln den gewählten historischen Musikvorlagen, „inszeniert“ sie neu, aktualisiert und verstärkt dabei vorhandene Ideen-Elemente und Strukturen. Er befreit sie aus dem Korsett ihrer Musealisierung und macht ihren musikalischen Gehalt für ein heutiges Publikum unmittelbar erfahrbar.


J.S. Bach: Schlummert ein, ihr matten Augen (aus Kantate „Ich habe genug“, BWV 82). Bach nutzt im Wesentlichen drei Mittel: Erstens absteigende Linien, harmonisches Sinken, Fallen. Zweitens eine tiefe Instrumentierung, Bariton-Solo. Drittens ein langsames Tempo. Alle drei Merkmale werden von Steen-Andersen sehr allmählich und subtil, aber schließlich erheblich verstärkt. Eine historische Aufnahme beginnt in bekannter Weise, sinkt im Weiteren in immer tiefere Tonregionen ab und wird gleichzeitig langsamer. Sie endet um zwei Oktaven nach unten versetzt, bei einem Viertel ihres ursprünglichen Tempos. Die Instrumente orientieren sich an der Aufnahme, färben sie zunächst und „übermalen“ sie schließlich. Am Ende ist man in einer traumhaft-anderen Welt angekommen, die an Dunkelheit und Tod gemahnt.


Robert Schumann "Träumerei" (aus "Kinderszenen", Op.15). Schumanns Notentext erklingt fast unverändert, aber in einer Instrumentierung, die ihn ins Ätherische entrückt, und in ein Tempo kurz vor dem Stillstand. Ursache und Wirkung, die gewohnte Verbindung zwischen Instrumenten-Aktion und resultierendem Klang erscheint verunklart und ins Traumartige verlagert. Erfahrene und verpasste Zeit fließen ineinander. Im Schlaf fragen wir uns, wie viel Zeit verging. Und im Schlaf fragen wir uns: Was ist Zeit?


Wolfgang A. Mozart "Der Hölle Rache" (aus "Die Zauberflöte", K620). Lautes von nebenan durchbricht rüde diesen Traum. Klänge einer Techno-Party - oder vielleicht doch eher die der Karaoke-Veranstaltung einiger Geschäftsleute? Schäbig und zwielichtig ist die Atmosphäre, sie beschwört nächtliche Aktivitäten von ziemlich weltlicher Art. Eine Drag Queen singt die berühmte Arie der Königin der Nacht. Technologie zwingt dem Sänger die Tonhöhen auf und verfremdet den Klang seiner Stimme zum Ruf aus einer skurrilen Parallelwelt.


Maurice Ravel: Scarbo (Gaspard de la nuit). Der Pianist sitzt am vollständig abgedämpften Flügel und spielt das Stück, es erscheint immateriell und schattenhaft. Alle Farben sind eliminiert, man hört nur grau und schwarz in verschiedenen Schattierungen. Gleichzeitig wird eine vorproduzierte Tonaufnahme derselben Szene und eine filmische Aufnahme der Handbewegungen auf die Finger des Pianisten projiziert. Geringe Unterschiede in der Synchronizität gebären ein Gespenst. Der Pianist hört plötzlich auf zu spielen, Geisterhände und Musik fahren fort. Später werden die live gespielten Klänge durch Verteilung auf die Lautsprecher im Raum schattenhaft durch den Saal schweben, schließlich mit einem bearbeiteten Distortion-Klang in unwirklicher Verstärkung das Grauen eindrücklich machen. Auch nachdem der Pianist die Bühne verlassen hat, spielt die Musik weiter, Ravel erscheint. Das schrille Läuten des Weckers beendet den Alptraum.


Foto-Video: Simon Steen-Andersen und ascolta: Inszenierte Nacht / Staged Night



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